Milgram-Experiment: Gehorsam gegenüber Autoritäten

Unabhängig von der Tatsache der Notwendigkeit von energischen Maßnahmen im Kampf gegen das Coronavirus ist es faszinierend zu beobachten, wie viele Menschen sich brav an die Anordnungen der Regierenden halten – und das nahezu weltweit. Irgendwie können einem im weitesten Sinne Assoziationen zum berühmten Milgram-Experiment hochkommen. Der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram wollte 1961 die Bereitschaft von Personen testen, autoritären Anweisungen sogar dann Folge zu leisten, wenn diese im Widerspruch zu ihrem Gewissen standen. Hintergrund seines Versuchs war die Erforschung des Gehorsams gegenüber Autoritäten.

In der Untersuchung versetzte ein “Lehrer“, die eigentliche Versuchsperson, einem “Schüler“ (im Experiment ein Schauspieler) bei Fehlern vermeintlich einen elektrischen Schlag. Ein Versuchsleiter, bei dem es sich ebenso um einen Schauspieler handelte, gab dazu die Anweisung die Intensität des elektrischen Strafreizes nach jedem Fehler zu erhöhen. Ähnlich wie in dieser Untersuchung geht es viele Jahrzehnte später erneut um das Thema Gehorsamsbereitschaft und Regelkonformität sowie um eine schrittweise Erhöhung der Stärke der Maßnahmen. Die Parallelen in Bezug auf das Beziehungsmuster zwischen “Lehrer“, “Schüler“ und dem “Versuchsleiter“ zur augenblicklichen Situation sollen bewusst außer Acht gelassen werden, um nicht in Verschwörungstheorien abzugleiten und seien der freien Interpretation und Analyse der Leserschaft überlassen.

 

Foto: APA/AFP/ZAID AL-OBEIDI

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Regierenden oder Experten

Die beschriebene Studie sollte eigentlich dazu dienen, Verbrechen aus der Epoche des Nationalsozialismus sozialpsychologisch zu erklären. Die „Germans-are-different“-These, welche von einem besonders obrigkeitshörigen Charakter der Deutschen ausging, sollte geprüft werden. Der Themenkomplex der Obrigkeitshörigkeit ist in verschiedenen Facetten gerade in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie und ihren gesellschaftlichen Folgen im Positiven wie im Negativen Sinne weiterhin von größter Bedeutung.

Informatives Detail am Rande: Während Milgram für seine Arbeit einerseits geehrt wurde, schloss ihn die American Psychological Association wegen des Experimentes für ein Jahr aus, nachdem ein Kritiker ihm vorgeworfen hatte, ein traumatisierendes Experiment vorgenommen zu haben, welches „potenziell schädlich“ für die Versuchspersonen gewesen sei. Milgram hielt später selbstkritisch zu der Thematik fest, dass es ethisch fragwürdig sei, Menschen in das Labor zu locken und sie in eine Lage zu bringen, die belastend ist. Daher sollten sich die Verantwortungsträger im Hier und Jetzt ganz bewusst mit den möglichen Nebenwirkungen ihrer Interventionen auseinandersetzen und nicht alleine auf einen, wenn auch noch so wichtigen Faktor achten. (Daniel Witzeling, 16.4.2020)

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